Alles nur ein Traum?

Nie mehr einen Eisbecher, nie mehr eine ganze Tafel Schokolade Stückchen für Stückchen im Mund zergehen lassen. Keinen Zucker mehr, nur noch Süssstoff. Kalorien, Nährwerte, Kohlenhydrate, Broteinheiten kennen, beachten, berechnen. Das sei wichtig, hatte Herr Dr. Huber gemeint und ihm neben einigen Hochglanzbroschüren auch noch eine Diätfibel in die Hand gedrückt.

Peters Gedanken kreisten wie Planeten um die Erde, sausten die Milchstrasse, den „Milky Way“, herunter. Er trat aus der Arztpraxis und sah nur verbotene Lebensmittel, in den Händen der Kinder, auf den Tischen der Strassencafés, an Plakatwänden.

Die Symptome waren eindeutig. Quälender Durst, Müdigkeit und Schwäche. So stand es im alten Medizinbuch seiner Mutter, und Google spukte dasselbe aus. Dr. Huber hatte ihm eigentlich nur bestätigt, was er ohnehin schon geahnt hatte.

„… Zuckerschlecken!“ Peter spürte einen Stoss an der Schulter. Er drehte sich auf die andere Seite, da wurde ihm die Decke weggezogen.

„Steh endlich auf!“

„Lass mich, es ist Samstag!“

„Meinst du, die Umzugskisten packen sich von alleine? Ich habe dir schon vor einer Stunde gesagt: Ein Umzug ist kein Zuckerschlecken!“

Nun öffnete Peter die Augen. Er hasste die Redensarten und Sprichwörter, die seine Frau immer und immer wieder benutzte, oftmals sogar im falschen Moment oder ohne Zusammenhang. Und nun bescherten sie ihm sogar schon Albträume. Zuckerschlecken – zuckerkrank. So ein Blödsinn. Ein Umzug war anstrengend, da konnte man schon mal müde werden und Durst bekommen. Alles war nur ein blöder Traum gewesen.

Genüsslich biss er wenig später in  sein Nutellabrot und häufte einen extra Löffel Zucker in seinen Kaffee. Da fiel sein Blick auf die Hochglanzbroschüre: „Leben mit Diabetes“. Wie kam die auf seinen Küchentisch?

 

Publiziert im Buch "Zuckerschlecken" Poetae Verlag  2010