Buchklappentext:
50 Autorinnen und Autoren mit Wohnsitz in der Schweiz haben kurze Texte geschrieben, die das Wort «Sepia» enthalten.
Sepia kennt man als braun- bis grauschwarzer Farbstoff, der aus dem Tintenbeutel von Tintenfischen (Sepien) gewonnen wird. Sepia-Fotos haben einen braun-gelben Stich. Sepia gilt bei Fisch- und Meeresfrüchteliebhabern als Delikatesse und sogar in der Homöopathie wird Sepia verwendet.
Wie verschieden die Vorgabe «Sepia» interpretiert und umgesetzt wurde, ist faszinierend; Sepia nimmt uns mehrspurig an ihre Tentakel und führt über mörderisch gewürzte Speisen in humorvoll und skurril beschriebene Sackgassen des Lebens. Dass sich daraus Liebesgeschichten ergeben können, verrückte und unmögliche, das versteht sich von selbst. Einmal verraten Fotos einen Untreuen und dann wieder hilft ein Mittel namens Sepia weibliche Untiefen erfolgreich umschiffen. Eine Fülle an wundervollen Geschichten, alle vom selben Begriff ausgehend: Lesegenuss pur!

  

 

Omas Lieblingsbild

Im Wohnzimmer von Oma hing ein einziges Bild. Ein Tintenfisch. Jedes Mal, wenn Sarah zu Besuch kam, stand sie davor; sie konnte sich nicht entscheiden, ob sie sich fürchten sollte oder ob es ihr gefiel. Oma wollte nie verraten, weshalb sie gerade dieses Bild aufgehängt hatte, denn sie war nie am Meer gewesen und konnte kaum einen Dackel von einem Pudel unterscheiden.

„Es gefällt mir einfach, und wieso soll eine alte Frau nur Rosenbilder aufhängen?“, war ihr Kommentar. Auch für Sarahs Mutter war es ein Rätsel. „Keine Ahnung, was Mutter daran findet. Als sie ins Altersheim zog, warf sie bis auf dieses hässliche Ding alle Bilder weg.“

Dann starb Oma, die Verwandtschaft stritt sich um die Möbel, den Schmuck und die paar Hundert Franken auf dem Sparkonto, aber Sarah wollte nur das Bild. Es hing nun in ihrem Flur, und immer, wenn Sarah heimkam, nickte sie ihm zu, für sie war das Bild ein Stück von Oma.

Bis zu dem Tag, als ein Studienfreund auf Besuch kam. „Was ist denn das für ein hässliches Bild von einem Sepia officinalis?“

„Sepia was?“

 „Officinalis, der gewöhnliche Tintenfisch, mein Bruder studiert Zoologie, und ich muss ihn manchmal abfragen. Es steht ja sogar hier in der Ecke: Sepia Off.“

„Ah so, ja, das ist ein Erbstück von meiner Oma. Ich dachte immer, das sei der Name des Malers

Erbstück? Das Ding ist doch nichts wert.“

„Doch, für mich schon.“ Sarah schob ihn ins Wohnzimmer, wo die anderen Gäste bereits auf sie warteten. Nachdem alle weit nach Mitternacht gegangen waren, stand Sarah vor dem Bild.

Eigentlich hatte Michael recht gehabt besonders schön war es nicht. "Ob ich es vielleicht doch einfach im Schrank aufbewahren soll?" Sarah nahm es von der Wand. Da war doch etwas? Sie schüttelte es nochmals- und wirklich, es klirrte im Rahmen. Vorsichtig öffnete sie diesen, und ein kleiner Schlüssel fiel zu Boden. Ein Schliessfachschlüssel.

Die Bankangestellte lächelte, als sie ihr den Schlüssel hinlegte. „Ja, Ihre Oma, ich kann mich gut an sie erinnern. Warten Sie, sie hat doch noch etwas hinterlegt für den Fall, dass jemand den Schlüssel bringt.“ Ein paar Minuten später kam sie zurück."Sie hat verfügt, dass die Person, die den Schlüssel bringt, nur ans Fach darf, wenn sie das Codewort weiss."

 

 

 

 

 

 

Buchvernissage 17. März 2012 

„Codewort?“ Oma, was hast du dir bloss dabei gedacht. Doch Sarah dachte nach – und plötzlich hatte sie eine Idee. „Sepia?“, flüsterte sie unsicher.

"Ja, das stimmt, wie wussten Sie das so schnell?" Als Sarah nicht antwortete, führte die Bankangestellte sie in den Tresorraum. "So, ich lasse sie nun allein, wenn Sie herauskommen möchten, klingeln Sie dort."

Sarah setzte sich an den Tisch und starrte den Metallkasten an. Sie fühlte sich nicht wohl, so tief im Keller der Bank eingesperrt, in einem Raum voller glänzender Metallfächer, welche die unterschiedlichsten Geheimnisse verbargen. Sie streckte die Hand aus und zog den Kasten zu sich, dann öffnete sie den Deckel. Darunter war ein zweiter Deckel, der mit einem Loch versehen war. Sie griff hinein, hob den Deckel an und sah einen zusammengefalteten Bogen Papier, das Briefpapier von Oma, das immer ein wenig nach Veilchen duftete. Sie faltete das Blatt auseinander, und da stand in Omas verschnörkelter Handschrift:

„Gratuliere, Sarah, ich wusste, dass du das Bild behalten würdest, du konntest dich jeweils kaum davon trennen.“ Unter dem Zettel lag Omas Erspartes.

Sarah klingelte. Als die Bankangestellte hereinkam, sagte Sarah: „Ich möchte ein Bankkonto eröffnen“, und schob ihr das Bündel Banknoten hin.

Zu Hause hängte sie als Erstes das Bild wieder an seinen Platz im Flur. „Danke Oma“, flüsterte sie und wischte mit dem Ärmel über das Glas.