Am Badeteich

Er ist tiefgebräunt, ihre gerötete Haut mit weissen Trägerstreifen gemustert. Schweissperlen glitzern auf ihrer Oberlippe und sie fächelt sich mit einer Gratiszeitung Luft zu. Diese bewegt sich zwar, ist aber kein bisschen kühler als die, die sie umhüllt wie eine engsitzende, weiche, feuchte Wolljacke.

Ausser dem leisen Quietschen ihrer Flip-Flops, wenn sie sich bewegen, ist es ruhig. Sie sind die Letzten, die auf der langen Bank sitzen, aus den Büros ist das Surren der Ventilatoren, das leise Klirren von Gläsern und das rhythmische „Klack, Klack“ der Computertastaturen zu hören. Dazwischen einzelne Stimmen, die sich zu einem an- und abschwellenden Gemurmel vermischen, nur hin und wieder ist ein einzelnes Wort zu verstehen.
Wie sind sie hier gelandet? Katja schüttelt immer wieder ungläubig den Kopf und Sven streicht ihr über die Schultern, die Berührung seiner nach Sonnencrème und Bratwurst riechenden Hände schmerzt auf ihrer heissen, roten Haut.
„Keine Angst, uns passiert nichts.“

„Wieso sind wir dann hier?“

„Die haben einfach alle, die am Teich waren, gebeten mitzukommen.“

In dem Moment ruft der Kommissar sie in sein Büro.

 

Kommisar Rempfler beginnt mit der Vernehmung, doch er kann sich nicht konzentrieren, die Hitze macht ihm zu schaffen. Immer wieder blickt er nach draussen. Dicht gedrängt um die Bäumchen bei der Bushaltestelle kämpfen die Leute um ein wenig Schatten. Das Licht flimmert, die ganze Szene wirkt wie mit Weichzeichner fotografiert.

„Hmmh…!“ Der Mann räuspert sich. Rempfler wendet sich wieder den beiden zu und führt die Vernehmung fort. Kurze Zeit später verlassen Sven und Katja das Gebäude, ihre Kleider kleben und dünne Schweissrinnsale schlängeln sich an ihren Körpern herab. Auf dem Weg zur Bushaltestelle röten sich Katjas Schultern noch mehr, die weissen Streifen werden rosa. Der Asphalt ist so weich, dass die Schuhsohlen bei jedem Schritt kleben bleiben. Selbst die Flip-Flops verstummen.

 

Am nächsten Morgen, als Sven erwacht, weiss er nicht, ob er alles nur geträumt hat, die Luft im Schlafzimmer ist stickig und obwohl es erst 8 Uhr ist, zeigt das Thermometer bereits 24°C. Nackt tappt er in die Küche, öffnet den Kühlschrank und hält sich die Mineralwasserflasche einen Moment in den Nacken, sein Mund fühlt sich an wie mit Sandpapier tapeziert.

Auf dem Tisch liegt die Zeitung, Katja hat an den Rand geschrieben: „Bin am Badeteich.“  Darunter steht in grossen Buchstaben die Schlagzeile: „Mord oder Unfall am Badeteich?“

Er dreht die Zeitung um und geht ins Bad, natürlich hat er es nicht geträumt, einen Moment lang hat ihm die Hitze wohl einen Streich gespielt. Er stellt sich unter die eiskalte Dusche und plötzlich hat er die Szene am Badeteich wieder vor Augen. Manuelas braunen Körper mit dem türkisfarbenen Badeanzug zwischen den anderen Badegästen. Er glaubt sogar, ihr Parfum riechen zu können.

Katja war eine Ewigkeit auf der Toilette gewesen und war in dem Moment zurückgekommen, als jemand losschrie: „Hilfe, ein Arzt!“

„Wo warst du so lange?“

„Auf der Toilette.“

„Schon wieder?“

„Blasenentzündung“, hatte sie achselzuckend erwidert.

„Wieso bist du denn so nass?“

„Man soll doch duschen, bevor man reingeht. Und du, warst du etwa schon ohne mich drin?“ Sie deutete auf seine nasse Badehose.

 

Katja geht Kommissar Rempfler nicht aus dem Kopf, irgendwas stimmt nicht mit der Frau und er hat das Gefühl, sie schon einmal gesehen zu haben. Der Bericht des Gerichtsmediziners wird erst übermorgen geliefert, bis dahin kann er sowieso nichts tun. Deshalb beschliesst er, den Nachmittag am See zu verbringen. Er liebt die nachmittägliche Geräuschkulisse, sie lässt ihn klarer denken. Fahrradgeklingel, das die Stimme des Eisverkäufers übertönt, Schiffshupen, die dumpf über den See klingen, und Wellen, die leise ans Ufer schlagen, wirken auf ihn beruhigend. Lächelnd beobachtet er die Enten, die aufgeregt schnatternd versuchen, nach dem Brot zu schnappen, das Kleinkinder an den Händen der Eltern ins Wasser werfen. Die grösseren Kinder kreischen bei jedem Sprung vom Floss und am Kiosk dröhnt das Radio. Rempfler kennt den Song, er wird seit Tagen immer wieder gespielt, der Hit der Saison. Er merkt nicht, wie er mitsummt, während er den Jugendlichen zusieht, die nach etwas tauchen. Als eines der Mädchen prustend auftaucht, weiss er plötzlich, woher er Katja kennt: Sie ist im selben Schwimmklub gewesen wie seine Tochter und hat jahrelang den Rekord im Tauchen ohne Schnorchel gehalten. Rempfler beschliesst, sich trotz des bevorstehenden Grillabends ein grosses Schokoladeis zu gönnen, es tropft, kaum hält er es in der Hand.

 

Zwei Tage später liegt der Bericht des Gerichtsmediziners auf dem Tisch: Tod durch Ertrinken. Rempfler will ihn eben enttäuscht zur Seite legen, als er sieht, was noch als Nachtrag beigefügt worden ist: „Unerklärliche Male in Form eines Schneckenhauses an je einem Hand-und Fussgelenk.“ Rempfler schiesst so schnell von seinem Stuhl hoch, dass er kippt. Hat er es doch gewusst, Katja! Sie trug einen Ring mit einem Schneckenhaus, er war ihm aufgefallen, weil sie während der Vernehmung ständig daran herumdrehte, das Häuschen war immer wieder nach unten gerutscht.

 

 

Er findet Katja und Sven, wie vermutet, am Badeteich. Katja liegt schläfrig, einem Sonnenstich nahe, auf dem Badelaken und wehrt sich kaum, als er sie bittet mitzukommen. Sven streicht ihr über den Rücken: „Ich komme nach.“ Katja zuckt zusammen, nickt und dreht sich um. Das bevorstehende Gewitter lässt die Hitze nochmals anschwellen, es ist feucht. Als Rempfler Katja abführt, ist es plötzlich still, nur das Klatschen ihrer Flip-Flops auf den feuchten Platten rund um den Teich ist zu hören. Ihre Schultern beginnen sich bereits zu schuppen. Rempfler ertappt sich dabei, wie er denkt: „Einen Sonnenbrand wird sie nun ja längere Zeit nicht mehr kriegen.“

Sven sieht den beiden nach und als sie beim Polizeifahrzeug ankommen, fallen die ersten Tropfen, ein Blitz durchzuckt den verdunkelten Himmel und einen Moment lang wird Katjas Gesicht wie durch einen Scheinwerfer beleuchtet, dann verschwindet sie im Dunkeln, wie Manuela. Während er seine Sachen zusammenpackt, holt er den Ring mit dem Schneckenhaus aus dem Portemonnaie und steckt ihn sich wieder an den Finger.

 

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