"neben einander zusammen leben Geschichten aus der Nachbarschaft", Nachbarschaft Zürich

Vernissage am 22. März 2012

Das Klopfen

Da war es wieder, dieses Geräusch, ein Klopfen und dazwischen ein leichtes Schmatzen, wie wenn Haut auf Haut klatschen würde. Was war das? Alice sass im Bett, und ihr Herz raste. Es war drei Uhr nachts, und es kam eindeutig aus der Nachbarswohnung. Bis heute hatte sie immer gedacht, ihr neuer Nachbar würde kochen. Ein ähnliches Geräusch kannte sie nämlich aus Österreich, wenn man ein Wienerschnitzel bestellte und die Schnitzel in der Küche auf Tellergrösse geklopft wurden. Aber er konnte doch nicht täglich Schnitzel essen? Und schon gar nicht nachts um drei Uhr. Sie kannte ihn nicht, er hatte sich nicht vorgestellt, sie hatte ihn nur gesehen, als er eingezogen war. Er trug lange Haare und eine Lederjacke. Sicherlich passierten in der Wohnung Dinge, die nicht in Ordnung waren. Aber Alice getraute sich nicht, aufzustehen und zu klingeln. Da war es wieder, dieses Klatschen. Sie hatte bereits den Telefonhörer in der Hand, als es aufhörte – sollte sie trotzdem? Nein, sie würde warten, sie wollte die Polizei nicht unnötig alarmieren und dann noch verärgern.

Während der nächsten Tage sah Alice, wie der Nachbar mehrmals grosse Schachteln zu einem bereitstehenden Lieferwagen schleppte. Einmal bückte er sich auf dem Rückweg nach der Katze aus dem Erdgeschoss, dann hob er sie hoch. Was hatte er mit ihr vor? Alice hielt den Atem an, er würde doch nicht? Doch dann sah sie, wie er sie drückte und küsste, anschliessend setzte er sie vorsichtig wieder auf den Boden. Alice wusste nicht, was sie davon halten sollte. Eigentlich wirkte er gar nicht böse, doch wie sahen Mörder eigentlich aus? Ein paar Wochen lang war Ruhe, dann fing das Klopfen wieder an, diesmal tagsüber. «Was soll ich bloss tun?» Alice lief ratlos in der Wohnung hin und her. Sie war so in Gedanken, dass sie ganz vergessen hatte, dass der Wohnzimmerteppich noch nicht am richtigen Ort lag; sie hatte ihn am Vortag zur Seite geschoben, weil sich sonst der Schrank so schlecht öffnen liess.

Als sie wieder erwachte, lag sie auf der Seite, und ihr war, als ob ihre Hüfte unter Feuer stand, es knackte wie Holz in der Glut. Ihre Knochen. Solche Schmerzen hatte sie noch nie gehabt, sie verlor erneut das Bewusstsein, und als sie wieder zu sich kam, war es dunkel. Das Feuer loderte immer noch, und wenn sie sich bewegte, schossen die Schmerzflammen in ihr Bein. Alice fror und schwitze gleichzeitig, und sie hatte Durst. Hätte sie nur auf ihre Tochter gehört und das Armband mit dem Alarmknopf immer getragen. Nun lag es in der Küche und sie im Wohnzimmer. Da hörte sie plötzlich wieder das Klopfen – war es Abend oder Nacht? Die Uhr lag ebenfalls in der Küche. Alice drehte den Kopf und sah den Mörser mit dem schweren Pistill, ein Erbstück ihrer Grossmutter, damit könnte sie auch klopfen.

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

Sie rutschte millimeterweise, so kam es ihr zumindest vor, zum Bücherschrank, zum Glück stand der Mörser ganz unten. Sie konnte sich nicht erinnern, wieso; er stand normalerweise immer oben auf dem Schrank. Als sie ihn erreichte und das Pistill zu fassen kriegte, fiel es ihr wieder ein. Ihr Enkel hatte damit gespielt, und sie hatte ihn dort stehen lassen, weil sie den Platz oben besser nutzen konnte. Sie umfasste das kühle Metall und klopfte immer, wenn das Klopfen aus der Nachbarswohnung Pause machte. Nach etlichen Minuten kam kein Echo mehr, dafür hörte sie, wie nebenan die Türe geöffnet wurde. Es klingelte. «Ja, Hilfe, ich…» Alice musste Luft holen und schrie dann nochmals: «Hilfe!» Es klingelte erneut.

«Ist der dumm, hört er mich nicht?» Alice kreischte fast, als sie nochmals um Hilfe schrie. Dann ging ihre Wohnungstür auf. Sie hatte mal wieder nicht abgeschlossen, zum Glück war sie so vergesslich. Das Erste, was sie sah, waren Hausschuhe mit Katzenköpfen, dann roch sie Waschpulver und fühlte eine Hand auf ihrem Arm. «Frau Morf, was ist passiert? Ich rufe gleich die Ambulanz, ich dachte schon, sie würden klopfen, weil sie mein Klopfen störte.» Er sprach leise, schnell und stotterte ein wenig. «Aber wissen sie, eine Lieferung ist morgen fällig.» «Fällig.» Alice hörte nur dieses Wort und umfasste das Pistill fester – damit würde sie sich wehren können, dann verlor sie das Bewusstsein.

Als sie diesmal erwachte, sah sie eine hellgrüne Wand und ihre Tochter. «Mama, da hast du aber Glück gehabt. Wie oft habe ich dir gesagt, das Armband gehört an deinen Arm, Tag und Nacht. Zum Glück war der Nachbar noch wach.» «Er wollte mich umbringen.» «Mama, was erzählst du da? Ohne den netten Herrn Schneider würdest du womöglich immer noch im Wohnzimmer liegen; du weisst, ich komme nicht jeden Tag vorbei, ich habe so viel zu erledigen, die Kinder, der Hund…» Alice nahm einen Anlauf, ihre Tochter zu unterbrechen. «Er sagte ‚fällig’. er wollte…» «Mama, du hattest einen Schock – wieso sollte er dich umbringen. Schau hier, was für ein Künstler er ist!»

Ihre Tochter war schon immer komisch gewesen, sah in allen Leuten etwas Spezielles. Ihr Nachbar ein Künstler? «Ein Mörder! Er schlägt seine Opfer tot.» «Mama, nun hör aber auf. Herr Schneider stellt Ledertaschen und Geldbörsen her, schau mal, die hat er dir geschenkt.» Ihre Tochter hielt ihr eine kleine rote Geldbörse hin, das Leder war weich wie Haut.