Gleis 8 

Als der Wecker klingelte erwachte Muriel schweissgebadet. Sie war einmal mehr auf den Bahnhof gelaufen und hatte den Zug gerade noch im Tunnel ver-schwinden sehen. Seit sie das Haus verschoben hatten und aus Gleis 6 Gleis 8 geworden war, plagten sie diese Träume. Es war als ob ihre ganze Pendlerwelt sich verschoben hätte. Doch dann sah sie auf den Mann neben sich und lächelte.

Für ihn nahm sie diese Alpträume gerne in Kauf - ohne Gleis 8 würde er nicht neben ihr liegen

Thomas war froh, dass der Zug fast leer war, so konnte er in aller Ruhe die letzten Änderungen in seiner Präsentation anbringen. Das Einzige was ihn irritierte war diese Frau. Sie lief unablässig durch den Wagen, setzte sich kurz hin und stand wieder auf, nur um kurz darauf wieder suchend durch den Wagen zu gehen. Nun blieb sie sogar kurz vor ihm stehen, als wollte sie etwas sagen, schüttelte den Kopf und wandte sich ab. In dem Augenblick fuhren sie in den Bahnhof ein, und als er das Haus erblickte, dass vor wenigen Monaten verschoben worden war, wurde ihm wieder einmal schmerzlich bewusst, dass dies nicht das Einzige war, das in seinem Leben nicht mehr am selben Ort war. Andrea hatte ihn verlassen. Die Frau war ebenfalls ausgestiegen und stand nun am Ende von Gleis 8 und telefonierte. Thomas hörte im Vorbeigehen wie sie sagte: „Wieder nicht? Ich verliere ...“ Dann kam ein Zug und der Rest vom Gespräch wurde durch das Geratter erstickt.

Ein paar Tage später sah er die Frau wieder. Diesmal sass sie im Abteil vis-à-vis und tippte in ihr Handy.

"Haben Sie es gefunden?"

"Was gefunden?"

"Vor ein paar Tagen sind Sie suchend durch den Zug getigert."

"Ach so, ja, ja, alles bestens." Sie wusste nicht, wovon der Mann sprach.

Obwohl, eigentlich lag er gar nicht so falsch. Sie hatte tatsächlich was verloren ihre Geduld. Seit drei Monaten wurde sie von ihrem Freund vertröstet. Er war geschäftlich ins Ausland versetzt worden und es war geplant gewesen, dass er mindestens einmal pro Monat heimkam. Was am Anfang auch so war, doch in letzter Zeit kam immer im letzten Moment etwas dazwischen. Eben hatte er wieder geschrieben, dass es ihm auch diesmal nicht reichen würde. Als sie ausstieg, lächelte sie dem Mann zu. Er konnte ja nichts dafür, dass sie so wütend war, und eigentlich sah er ganz gut aus. Thomas lächelte ebenfalls und winkte ihr nach.

Ein paar Wochen später, als sie schon nicht mehr damit gerechnet hatte, kam aus heiterem Himmel eine SMS. „Komme heute, holst du mich ab?“ Zuerst wollte sie es ignorieren, doch dann beschloss sie, ihm noch eine Chance zu geben.

Deshalb stand sie später unschlüssig vor dem Spiegel: Jeans - oder doch das neue Kleid? Was sollte sie anziehen? Mit einem Bein war sie bereits in der Hose, als sie es sich nochmals anders überlegte und doch das Kleid aus dem Schrank zog. Sie legte die Brille ab, zog es über und bürstete sich das Haar. Als sie die Brille wieder aufsetzte, sah sie sich einen Moment im Spiegel an. Nein, das ging nicht, sie verhakten sich immer beim Küssen. Sie würde den Weg auch ohne finden.

Unruhig und unsicher ging sie später auf dem Perron auf und ab, kniff die Augen zusammen und versuchte die Ankunftstafel zu lesen. Knapp sah sie, dass alles normal aussah. Keine Verspätung. Endlich fuhr der Zug ein. In welchem Wagen er wohl sass? Er hatte nicht auf ihre letzte SMS geantwortet. Sie beschloss in der Mitte zu warten.

Während der Zug in den Bahnhof einfuhr, stand Thomas auf, sein Kopf pochte inzwischen noch heftiger und ihm war übel. Schnell sammelte er Mantel, Aktentasche und Zeitung zusammen und ging zur Türe. Er wollte nur noch heim, eine Tablette nehmen und ins Bett. Der Zug hielt, Thomas stieg aus und hatte noch keine drei Schritte auf dem Perron gemacht, als ihm eine Frau um den Hals fiel.

„Thomas, endlich!“

„Entschuldigung, ich heisse zwar Thomas aber ... Sie sind doch die Frau aus dem Zug?“

Muriel löste sich von ihm und kniff die Augen zusammen.

„Oh, nein, Sie sind ja gar nicht mein Thomas, meine Brille ... ist das Gleis 6?“
„Nein, Gleis 8.“

In dem Moment piepste ihr Handy.

„Können Sie es mir vorlesen? Ich sehe es nicht.“ Sie hielt ihm das Handy hin.

Er las die SMS und meinte: „Zug verpasst!“

„Was?“

„Das steht da!“

Muriel begann zu lachen: „Nun reicht es, ich habe genug.“ Sie zog ihre Brille aus der Tasche, die sie im letzten Moment doch noch eingesteckt hatte, und sah Thomas an.

„Und wissen Sie was? Ich glaube jetzt habe ich gefunden, was ich damals gesucht habe.

Ein paar Wochen später wollte ihre Freundin wissen, wie sie Thomas Nr. 2 eigentlich kennengelernt hatte.

Muriel schmunzelte, „bei einem Blinddate auf Gleis 8!“ 

 

Lesefest des Vidal Verlags mit Buchvernissage am 8. November 2014 in Oberwinterthur