Der neue Haarschnitt

Manchmal, wenn Mama und Papa weggingen und Sibylle, das Nachbarsmädchen, auf Lea und Max aufpasste, bekamen sie eine neue DVD geschenkt. Genau wie heute – schon den ganzen Nachmittag war Lea um die DVD-Hülle herumgeschlichen, sie konnte noch nicht lesen, aber ihre Mama hatte gemeint: „Der Film ist lustig, und sieh mal, das kleine Mädchen sieht fast so aus wie du.“

„Ja, aber es hat kurze Haare.“

„Es haben eben nicht alle Mädchen solche Locken wie du“, sagte Mama und strich Lea über die blonden Kringellocken.

„Also seid schön brav, wir kommen bald wieder.“

Sibylle legte die DVD in den Apparat und stellte ihn an. Max fand den Film bald langweilig, er mochte lieber Filme mit Feuerwehrautos. Doch Lea wandte den Blick keine Sekunde vom Bildschirm ab. Die kleine Cleo im Film konnte alles, was sie auch können wollte: Sie spielte Klavier, durfte reiten, und sie konnte zaubern!

Lea wollte sein wie Cleo! Sie merkte gar nicht, wie die Zeit verging, und erschrak, als Sibylle den Fernseher abschaltete, in die Hände klatschte und rief: „So, ihr beiden, Zeit, ins Bett zu gehen!“ Max maulte zwar noch, aber bevor Lea die Zähne geputzt hatte, schlief er bereits, sein rotes Feuerwehrauto neben sich auf dem Kissen.

Lea träumte von Cleo und erwachte mit ihrem Zopf im Mund, das war eklig. Sie wollte auch so kurze Haare wie Cleo, die würden sich nicht nachts in ihren Mund schleichen und auch nicht so ziepen, wenn Mama sie kämmte.

„Max, hilfst du mir?“

„Was? Was spielen wir?“

„Nein, Max, wir spielen nicht, du musst mir helfen.“

„Nicht spielen?“ Seine Lippen begannen bereits ein bisschen zu zittern. Wie immer wenn er schmollte.

„Max, nein, du musst mir etwas helfen, das ist viel lustiger als spielen.“

„Sicher"„Ja, schau, ich will auch so eine Frisur wie Cleo.“ Lea hatte die DVD-Hülle in ihr Zimmer geschmuggelt.

„Aber die sind ja ganz kurz!“

„Hilf mir!“ Lea nahm die Bastelschere in die Hand, die, welche richtig schneiden konnte und die sie eigentlich nur haben durfte, wenn Mama in der Nähe war. Schnipp – und bereits fiel die erste Locke zu Boden.
“Nachher kann ich sicher auch so zaubern wie Cleo, komm, hilf mir.“

„Ich will auch zaubern.“ Max schob sich den Daumen in den Mund.

„Das können nur Mädchen. Da, schneid hier durch“, sie hielt einen Büschel Haare am Hinterkopf hoch. Max nahm die Schere in beide Händchen und presste sie zusammen.

„Aua, das tut weh!“

Er versuchte es nochmals, und bald fielen auch von Leas Hinterkopf blonde Büschel auf den Boden.

„Fertig!“ Max klatschte in die Hände und tanzte um Lea herum.

Lea sah in den Spiegel und erschrak. Das sah aber gar nicht aus wie Cleo.

„Schön!“ Max quietschte vor Freude, „Du siehst aus wie sie.“

„Meinst du?“ Lea hob den Spiegel und sah erneut rein, die Haare standen ihr wild vom Kopf ab, und auf der rechten Seite hingen sogar nur noch eine paar wenige Strähnen. Sie schluckte, plötzlich war ihr zum Weinen zumute, aber vor Max wollte sie sich zusammenreissen.

„Max, gib mir deine Mütze.“

„Das ist meine.“

„Du kriegst sie wieder, keine Angst.“

Max rannte in sein Zimmer und wühlte in seinen Sachen, dann kam er mit der blauen „Bob der Baumann“-Mütze zurück.

„Sicher?“ Er presste sie an den Bauch und überlegte.

„Wenn meine Haare wieder lang sind. Geht ganz schnell! Gib sie mir, bitte.“

Max reichte sie ihr zögernd, und Lea stülpte die Mütze auf ihren Kopf.

„Lea, Max, Mittagessen!“ Lea schlich hinter Max in die Küche.

„Wieso hast du Max’ Mütze auf?“

„Einfach so, ich will sie auch einmal tragen.“

Lea zupfte daran herum und hoffte, dass Mama nicht merkte, dass keine Haare hervorschauten.

„Lea, zieh bitte die Mütze aus. Mütze bei Tisch, das geht nicht.“

„Nein.""Lea, sofort.“ Da begann Lea zu weinen. Die Mutter stellte die Schüssel zurück auf den Tisch und streckte die Hand aus.

Lea zappelte, weinte und schrie, doch die Mutter war schneller.

„Lea! Was …?“ Mama liess die Mütze auf den Tisch fallen und starrte Lea an.

„Was hast du gemacht?

„Ich wollte so aussehen wie Cleo.“

„Wer ist Cleo?“

„Das Mädchen vom Film, sie kann reiten, Klavier spielen und zaubern.“

„Lea, das ist eine Comicfigur.“

„Ja, aber, aber … Du hast gesagt ich sehe so aus wie sie“, schniefte Lea.

„Aber das habe ich doch nicht so ernst gemeint.“

„Was machen wir jetzt?“ Schon wieder kullerte eine Träne über Leas Wange.

„Da können wir nichts machen, die Haare müssen nun halt wieder wachsen, ich werde sie dir nachher noch ein wenig ausgleichen, sonst siehst du aus wie Struwwelpeter.“

„Wie wer?“

„Das ist ein kleiner Junge aus einem Buch, das du dann auch mal lesen darfst, aber nur, wenn du nicht alles nachmachst, was da drin steht. So nun essen wir, sonst werden die Spaghetti kalt.“

Die Mutter hatte den Vater bereits vorgewarnt. Er kam in Leas Zimmer und lachte: „Nun habe ich halt zwei Buben.“

„Nein, Papa, ich bin ein Mädchen, genau wie Cleo. Sie kann zaubern und hat auch kurze Haare.“

„Wer ist denn Cleo?“

Da kam Max mit der DVD-Hülle ins Zimmer.

„Ach so, jetzt verstehe ich, die sieht ja wirklich aus wie du.“

„Das hat Mama auch gesagt, aber nur das Gesicht.“ Lea schniefte schon wieder.

„Lea, deine Haare wachsen wieder nach, nicht so wie meine.“ Er strich sich über die kahle Stelle am Hinterkopf.

Ein Jahr später lachte Lea auf dem Kindergartenfoto, in der Hand das Struwwelpeterbuch, und ihre Locken kringelten sich schon wieder auf den Schultern

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